SECO - Stärkster Rückgang des BIP seit Jahrzehnten erwartet Donnerstag, 23. April 2020 - 14:32
Bern, 23.04.2020 - Konjunkturprognose der Expertengruppe des Bundes – April 2020 -- Die Expertengruppe hat ihre Konjunkturprognose ausserplanmässig aktualisiert. Sie erwartet für 2020 im Zuge der Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus einen sehr starken Rückgang des BIP. Auch 2021 dürfte sich die Wirtschaft nur langsam erholen.
Die Expertengruppe Konjunkturprognosen rechnet für 2020 mit einem Rückgang des Sporteventbereinigten BIP von −6,7 % (Prognose von März 2020: −1,5 %) bei einer jahresdurchschnittlichen Arbeitslosenquote von 3,9 %. Dies wäre der stärkste Einbruch der Wirtschaftsaktivität seit 1975.
Angesichts der steigenden Anzahl
Covid-19-Erkrankungen in der Schweiz wurden Mitte März einschneidende
gesundheitspolitische Eindämmungsmassnahmen nötig. Zahlreiche Betriebe
mussten ihre Geschäftsaktivitäten einschränken oder unterbrechen, etwa
im Gastgewerbe, im Detailhandel sowie im Kultur- und Freizeitbereich.
Dies hat zu einem abrupten Rückgang der Produktion und der privaten
Konsumausgaben geführt. Gleichzeitig hat sich das internationale Umfeld
rapide verschlechtert. Internationale Lieferketten sind teilweise
gestört. Für die erste Jahreshälfte 2020 ist mit einem sehr starken Rückgang des BIP zu rechnen.
Im
Zuge der geplanten Lockerungen der gesundheitspolitischen Massnahmen
sollte eine moderate Erholung einsetzen. Erlittene Einkommensverluste
aufgrund gestiegener Kurzarbeits- und Arbeitslosenzahlen sowie die
grosse wirtschaftliche Unsicherheit begrenzen aber die Aufholeffekte
beim privaten Konsum in der zweiten Jahreshälfte. Vorsichtsmassnahmen
seitens der Behörden, der Unternehmen und der Privatpersonen, um
Ansteckungen mit dem Coronavirus zu vermeiden, dürften die Konsumneigung
zusätzlich dämpfen. In der Summe könnte der private Konsum 2020 stärker
zurückgehen als das BIP.
Die Expertengruppe geht zudem davon
aus, dass sich die Weltwirtschaft in den kommenden Quartalen ebenfalls
nur schleppend erholt; wichtige Handelspartner, insbesondere die grossen
südeuropäischen Länder, dürften verstärkt mit anhaltenden Folgen der
Corona-Krise zu kämpfen haben. Darunter leiden insbesondere die
konjunktursensitiven Bereiche des Schweizer Aussenhandels. Insgesamt
dürften die Produktionskapazitäten in der Schweiz deutlich
unterausgelastet und die Unsicherheit ausserordentlich gross sein, was
mit einem sehr starken Rückgang der Investitionen sowie einem
Beschäftigungsabbau einhergeht.
Unter der Voraussetzung, dass die
gesundheitspolitischen Massnahmen weiter gelockert werden können, dass
weitere starke Pandemiewellen mit vergleichbar einschränkenden
Massnahmen ausbleiben, und dass die wirtschaftlichen Zweitrundeneffekte
in Form von Entlassungen, Kreditausfällen und Firmenkonkursen begrenzt
bleiben, dürfte sich die langsame Wiederbelebung der Schweizer
Wirtschaft 2021 fortsetzen. Unterbrochene produktive Tätigkeiten und
Lieferketten dürften allmählich wieder aufgenommen werden; die
Exportwirtschaft profitiert von einer langsamen Normalisierung der
Auslandnachfrage. Auch im Inland sollten sich Konsum- und
Investitionsausgaben schrittweise erholen.
Die Expertengruppe
erwartet, dass das BIP der Schweiz 2021 um 5,2 % steigt (Prognose von
März: 3,3 %). Dies entspricht einem relativ langsamen Anstieg, ausgehend
von einem sehr tiefen Niveau; der Stand des BIP von Ende 2019 wird
innerhalb des Prognosehorizonts daher noch nicht erreicht. Auch am
Arbeitsmarkt würde sich die Lage nur zögerlich verbessern: Die
Arbeitslosigkeit sollte 2021 weiter auf 4,1 % ansteigen, die
Beschäftigung nur geringfügig wachsen.
Konjunkturrisiken
Für
März und April stehen bislang noch wenig « harte » Daten zur Verfügung,
sodass es schwer bleibt, den Rückgang der Wirtschaftsaktivität genau zu
quantifizieren. Auch für den weiteren Verlauf ist die
Prognoseunsicherheit ausserordentlich gross.
Einerseits könnte
sich die Wirtschaft schneller erholen als in der Prognose unterstellt;
dies etwa, falls sich die Konsumentinnen und Konsumenten im Inland
weniger durch das Coronavirus verunsichern lassen oder die
Aufholbewegung im Ausland kräftiger ausfällt als erwartet. Andererseits
könnten die Pandemie und damit verbundene Eindämmungsmassnahmen aber
auch länger andauern als angenommen, was die Erholung stark bremsen
würde. Zudem könnten stärkere Zweitrundeneffekte eintreten, etwa
regelrechte Entlassungs- und Konkurswellen. Davon wären weitere massive
wirtschaftliche Auswirkungen über den gesamten Prognosehorizont zu
erwarten.
Die Covid-19-Pandemie verstärkt auch bereits bestehende
Konjunkturrisiken. Insbesondere erhöht sich die Verschuldung von
Staaten weltweit angesichts der nötigen Stabilisierungs- und
Überbrückungsmassnahmen rapide. Auch bei den Unternehmen steigt der
Verschuldungsgrad stark. Angesichts der bereits hohen Verschuldung
zahlreicher Staaten und der schlechten Konjunkturaussichten steigt daher
das Risiko von Kreditausfällen sowie von Insolvenzen von Unternehmen.
Dies könnte die Stabilität des Finanzsystems bedrohen. Auch das Risiko
von Finanzmarktturbulenzen und eines weiteren Aufwertungsdrucks auf den
Franken ist erheblich erhöht. Im Inland steigt schliesslich das Risiko
von Korrekturen im Immobiliensektor.
Adresse für Rückfragen
Eric Scheidegger, SECO, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik, Tel. +41 58 462 29 59
Ronald Indergand, SECO, Leiter des Ressorts Konjunktur, Direktion für Wirtschaftspolitik, Tel. +41 58 460 55 58
