Executive Summary:
Der aktuelle Stand der SARS-CoV-2-Epidemie stellt nach wie vor ein erhebliches Risiko für die
Schweiz dar: Sie bedroht die physische und psychische Gesundheit der Menschen, verzögert die
Erholung der Wirtschaft, belastet die Gesellschaft stark und untergräbt das Ansehen der
Schweiz. Die zur Überwachung der Epidemie erhobenen Indikatoren (bestätigte tägliche
Fallzahlen, Spitalaufenthalte, Verlegungen auf Intensivstationen, Todesfälle) liefern bisher noch
keine zuverlässigen Hinweise darauf, dass eine Trendwende erreicht wurde. Um einen
nachhaltigen Einsatz der Gesundheitsressourcen und ein effizientes Management der Epidemie
zu ermöglichen, schlagen wir vor, eine Halbierung der täglichen Neuansteckungen mindestens
alle zwei Wochen anzustreben, was bedeutet, dass die Reproduktionszahl auf unter 0,8 fallen
muss. Dies würde die Zahl der neuen Fälle innerhalb von 8 Wochen auf unter 500 pro Tag
bringen (bei der derzeit geschätzten Reproduktionszahl von 0,91 würde es im Vergleich dazu 5
Monate dauern, um dieses Ziel zu erreichen). Wir gehen davon aus, dass eine Verstärkung der
bestehenden Massnahmen sowie das Hinzufügen zusätzlicher Massnahmen es ermöglichen
wird, dieses Ziel zu erreichen und die derzeitige Belastung für Gesundheit und Wirtschaft zu
verringern.
Der aktuelle Stand der SARS-CoV-2-Epidemie in der Schweiz stellt nach wie vor eine substantielles
Risiko für unser Land dar: ein Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung, ein Risiko für die Wirtschaft
sowie ein Reputationsrisiko. Gegenwärtig weist keiner der zur Überwachung der Epidemie
erhobenen Indikatoren (bestätigte tägliche Fallzahlen, Spitalaufenthalte, Verlegungen auf
Intensivstationen, Todesfälle) auf die deutliche Trendwende hin, die für einen signifikanten und
nachhaltigen Rückgang der Epidemie erforderlich ist. Wir plädieren daher dafür, die Zahl der
Kontakte zwischen den Menschen weiter zu reduzieren und die bestehenden Bemühungen zu
intensivieren, um die aktuelle Risikolage zu entschärfen und ein entspannteres Umfeld für das
weitere Management der Epidemie schaffen zu können.
Zusammengenommen deuten die Indikatoren auf eine Stabilisierung der Epidemie hin, jedoch
nicht auf einen raschen Rückgang. Nachdem sich die Zahl der bestätigten Fälle und
Krankenhausaufenthalte Anfang Oktober alle 7 Tage verdoppelt hatte, beginnt sie sich nun zu
stabilisieren oder geht langsam zurück. Die jüngsten nationalen Schätzungen der
Reproduktionszahl liegen bei 0,91 auf der Grundlage der bestätigten Fälle und bei 1,03 auf der
Grundlage der Krankenhauseinweisungen1
. Es könnte sich dabei jedoch um eine Unterschätzung der tatsächlichen Reproduktionszahl handeln, da die Testpositivität kontinuierlich hoch ist
(20-30 %) und die Krankenhauseinweisungen verspätet gemeldet werden. Es ist deshalb nicht
sicher, ob die Epidemie nach der Umsetzung des letzten nationalen Massnahmenpakets am 29.
Oktober tatsächlich zurückgegangen ist. Zwei weitere Indikatoren, die Belegung der
Intensivstationen und die tägliche Zahl der Todesfälle2
, nehmen weiter zu, weisen jedoch
verlangsamte Verdoppelungszeiten von 14,3-21,0 bzw. 5,9-12,4 Tagen auf (im Vergleich zu 7,8-9,6
Tagen bzw. 3,9-6,6 Tagen; siehe Policy Brief vom 6. November).
Die Schweiz muss die Zahl der neuen COVID-19-Fälle schnell und deutlich senken, um die
Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass die Kapazität des Gesundheitssystems überschritten
wird, und um den Umfang und die Dauer des Drucks auf die Gesundheitsressourcen zu
vermindern. Trotz grosser Anstrengungen zu ihrer Steigerung ist die Spitalkapazität, insbesondere
auf den Intensivstationen (ICUs), nahezu ausgelastet und möglicherweise bereits überschritten.
Laut der neuesten Daten aus dem IES-System des KSD haben wir jetzt (am 13. November 2020) im
Wesentlichen die volle Kapazität der 885 zertifizierten Intensivbetten für Erwachsene erreicht, mit
867 Patienten auf der Intensivstation, von denen 511 mit Covid-19-Patienten sind. Diese Zahlen
spiegeln das volle Ausmass der Situation wider, mit der die Pflegeteams auf den Intensivstationen
konfrontiert sind, wie der Experte für Intensivpflege der Task Force berichtet. Die Zahl der Covid19-Patienten in Intensivpflege hat sich noch nicht stabilisiert, sie hat in den letzten vier Tagen um
44 Patienten (10 %) zugenommen. Dazu kommt ein "Akkumulationseffekt", der auf den langen
Aufenthalt der meisten dieser Patienten (Median etwa 12 Tage) zurückzuführen ist. Bei einer
Reproduktionszahl von rund 1 würde das Gesundheitssystem noch mindestens einige Wochen
unter grossem Druck stehen (siehe Policy Brief vom 6.11.2020).
Wir schlagen vor, eine Halbierung der täglichen Neuinfektionen alle zwei Wochen oder noch
schneller anzustreben. Damit würde die Zahl der neuen Fälle innerhalb von 8 Wochen auf unter
500 pro Tag sinken. Ein Reproduktionswert von unter 0,8 ist erforderlich, um eine Halbierung der
täglichen Zahl von Neuinfektionen alle zwei Wochen zu erreichen. Das bedeutet, dass wir
erreichen müssen, dass 10 Infizierte im Schnitt nicht mehr als 7-8 Menschen anstecken.
Eine Reproduktionszahl von 0,91, die der jüngsten Schätzung entspricht, würde die Zahl der
neuen Fälle in 38 Tagen nur halbieren. Doch eine Halbierung der Zahlen alle 38 Tage würde es der
Schweiz nicht erlauben, eine sicherere Ausgangslage für das weitere Management der Epidemie
zu schaffen. Konkret würden wir bei diesem Szenario 5 Monate brauchen, um die Zahl der
Neuinfektionen auf unter 500 pro Tag zu senken. Dies veranschaulicht den enormen Gewinn, den
jede weitere Verringerung der Übertragung bewirken würde.
Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die bestehenden Massnahmen
möglicherweise nicht ausreichen werden, um den benötigten raschen Rückgang der
Neuinfektionen zu erreichen. Die seit dem 28. Oktober ergriffenen Massnahmen sollten zum
jetzigen Zeitpunkt bereits eine wesentliche Reduzierung der Fallzahlen bewirkt haben. Wie bereits
erwähnt, liegt die aktuell geschätzte Reproduktionszahl, die die Übertragungsdynamik Anfang
November widerspiegelt, bei 0,91. Sie ist damit nicht niedrig genug für einen signifikanten Rückgang der Infektionszahlen. Zudem ist zu bedenken, dass die aktuellen Schätzungen der
Reproduktionszahl aufgrund unzureichender Tests zu tief ausfallen könnten.
Abzuwarten, ob die bestehenden Massnahmen ihre volle Wirkung tatsächlich entwickeln,
würde zum jetzigen Zeitpunkt nur die möglichen Risiken in Bezug auf die physische und
psychische Gesundheit, den Verlust von Menschenleben sowie die wirtschaftlichen und sozialen
Auswirkungen erhöhen.
Um dieses Risiko zu verringern und einen deutlichen Rückgang der Epidemie zu erreichen,
schlagen wir vor, zusätzliche Massnahmen zu ergreifen.
Wir gehen davon aus, dass zusätzliche Massnahmen, falls sofort schweizweit umgesetzt,
wirksam dabei helfen werden, das oben definierte Ziel zu erreichen:
- Schliessung der folgenden Indoors-Veranstaltungsorte: Bars, Restaurants, Sporthallen,
Theater, Museen und Konzerte.
- Beschränkung privater Zusammenkünfte auf maximal zwei Haushalte.
Einen weiteren wichtigen Beitrag kann die Verschärfung bestehender Massnahmen leisten:
- Suche nach Ansätzen, um den Anteil an Home-Office effektiv und wesentlich zu erhöhen.
- Es wird erwogen, die nachobligatorische Bildung vollständig ins Internet zu verlegen,
ausgenommen dort, wo die praktische Ausbildung dies unmöglich macht. Jede
Beschränkung des Unterrichts im Klassenzimmer für Kinder und Jugendliche ist durch
geeignete Massnahmen zu flankieren, um nachteilige Auswirkungen abzufedern. Wir
stellen jedoch fest, dass bei der derzeitigen Viruszirkulation ein beträchtlicher Teil des
Lehrpersonals und der Jugendlichen bereits krank ist oder unter Quarantäne steht. Der
Umstieg auf Online-Bildung kann unter diesen Umständen auch eine pragmatische Wahl
sein.
Wie bereits betont (nct-tf.ch), schlagen wir vor, die bestehenden Bemühungen zur Entschärfung
der Lage zu intensivieren, einschliesslich i) der kontinuierlichen Förderung von sozialer Distanz,
Maskentragen, Hygiene und Lüften; ii) der Unterstützung von Langzeitpflegeheimen und Firmen
bei der Umsetzung von Schutzkonzepten; iii) der Erhöhung der Kapazität des Gesundheitssystems;
und iv) der Intensivierung der Tests und v) der Verstärkung des Contact Tracings.
Um sicherzustellen, dass die Bevölkerung die Massnahmen in hohem Ausmass befolgt und
umsetzt, sind Kommunikationsmassnahmen unerlässlich, welche allen Teilen der Bevölkerung
ansprechen, (i) um zu betonen, wie wichtig das gemeinsame Ziel der Unterbrechung der
Übertragungsketten ist, (ii) um hervorzuheben, dass soziale Kontakte vorübergehend stark
reduziert werden müssen, und (iii) um alle mit eindeutigen, und praktisch anwendbaren
Informationen darüber zu versorgen, wie sie sich selbst und andere bei der Arbeit und im
Sozialleben schützen können.
Wir empfehlen, die Pflichtschulen vorerst offen zu halten, um das Grundrecht auf Bildung für
jüngere Schüler dort zu gewährleisten, wo Online-Bildung weniger praktisch ist. Sollten sich die
oben genannten Massnahmen als unzureichend dafür erweisen, die Epidemie einzudämmen,
sollte eine vorübergehende Schliessung von nicht lebensnotwendigen Dienstleistungen sowie von
Sekundar- und gegebenenfalls auch Grundschulen in Erwägung gezogen werden.
Eine rasche Verringerung der Fallzahlen ist auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig. Das Risiko
eines überlasteten Gesundheitssystems und einem längeren Zeitraum mit andauernd hohen Fallzahlen beinhaltet neben dem Reputationsschaden auch einen erheblichen wirtschaftlichen
Schaden, auch aufgrund der negativen Auswirkungen einer hohen Unsicherheit auf die
Geschäftstätigkeit. Massnahmen zur Verringerung dieses Risikos durch die Senkung der Fallzahlen,
sowie der Reduktion der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle gehen mit hoher
Wahrscheinlichkeit mit geringeren wirtschaftlichen Kosten einher. Öffentliche Mittel sollten rasch
zur Verfügung gestellt werden, um Unternehmen und Einzelpersonen, die von Schliessungen und
Beschränkungen betroffen sind, zu entschädigen.
Es ist zwar verständlich, dass jedes einzelne Unternehmen und jeder einzelne Sektor zusätzliche
Beschränkungen als nachteilig für das eigene Geschäft ansieht, aber der Schaden (einschliesslich
der Kollateralschäden), der durch eine starke und anhaltende Überlastung des
Gesundheitssystems verursacht wird, sowie die damit verbundenen sozialen und wirtschaftlichen
Kosten, wäre weitaus grösser. In einer Welt ohne durch die Politik auferlegte Restriktionen würde
sich die exponentielle Ausbreitung des Virus äusserst negativ auf Unternehmen in allen Sektoren
auswirken. Die empirische Evidenz aus der ersten Welle hat gezeigt, dass Volkswirtschaften mit
weniger strengen Massnahmen wirtschaftlich mindestens ebenso stark betroffen sind und mehr
Todesfälle zu beklagen haben. Prävention ist nach wie vor der beste Weg nach vorn – je länger wir
warten, desto stärker müssen die Massnahmen sein und desto mehr werden sowohl die
Gesellschaft als auch die Wirtschaft darunter leiden. Je schneller wir handeln, desto effizienter
können wir die Krise bewältigen.
1 Aufgrund der inhärenten Verzögerung zwischen dem Zeitpunkt der Infektion und den Zeitpunkten
der Testpositivität oder des Krankenhausaufenthalts spiegelt die auf bestätigten Fällen basierende
Reproduktionszahl Infektionen wider, die am 2. November aufgetreten sind, und die auf
Krankenhausaufenthalten basierende Reproduktionszahl spiegelt Infektionen wider, die am 28. Oktober aufgetreten sind. Die Konfidenzintervalle der jeweiligen Reproduktionszahl betragen 0,89-
0,92 (bestätigte Fälle) und 0,95-1,11 (Krankenhausaufenthalte).
2 Diese Schätzungen spiegeln die Übertragung Ende Oktober aufgrund einer durchschnittlichen 2-3-
wöchigen Verzögerung zwischen dem Zeitpunkt der Infektion und der Verlegung auf die
Intensivstation oder dem Tod wider.