Julius Bär: Ausblick auf die globalen Finanzmärkte zweites Halbjahr 2014 Mittwoch, 25. Juni 2014 - 15:48
18.06.2014
Konjunkturerholung auf breiter Front begünstigt weiterhin Aktien
Für das zweite Halbjahr 2014 erwarten die Anlageexperten von Julius Bär die Fortsetzung einiger finanzmarktfreundlicher Trends: 1) die globale Wirtschaft und insbesondere die entwickelten Länder sind moderat, aber stetig wachsend unterwegs, 2) die Inflationsraten sind weiter gedrückt, was 3) die Geldpolitik der Zentralbanken eher grosszügig bleiben lässt und 4) es zeichnet sich weltweit eine Erholung der Kreditschöpfung im Bankensektor ab (respektive eine Normalisierung in Europa). Dadurch dürften risikoreiche Anlagen weiterhin von stabilen Wirtschaftsdaten und grosszügiger Geldversorgung unterstützt werden, und der Gegenwind steigender Inflationsraten und Zinsen dürfte im zweiten Halbjahr 2014 sehr moderat ausfallen oder ganz ausbleiben.Eine verhaltene Preisentwicklung erlaubt vorerst eine grosszügige Liquiditätszufuhr. Dies weil die massgebenden Zentralbanken der entwickelten Welt weiterhin auf eine expansive Geldpolitik setzen werden, solange es gilt, latente Deflationsrisiken zu bekämpfen. So ist Neuseeland das einzige G10 Land, das bei einer Teuerung von 3% bereits eine Zinsnormalisierung seiner Geldpolitik eingeleitet hat. Grossbritannien dürfte frühestens im ersten Quartal 2015 folgen. In den USA erwarten die Experten von Julius Bär frühestens auf Mitte 2015 die erste Zinserhöhung nach der Lehman-Krise von 2008: „Die Amerikanische Zentralbank wurde von der Politik mit dem Mandat überfordert, die Vollbeschäftigung zu gewährleisten und wird daher viel expansiver als erforderlich bleiben müssen. So sinkt die offizielle Arbeitslosenquote, obwohl die Beschäftigungsquote historisch tief bleibt“, erläutert Janwillem Acket, Chefökonom von Julius Bär. In der Eurozone hat das bisher fragile Wachstum die Deflationsrisiken erstarken lassen. Dadurch war die EZB an ihrer letzten Ratssitzung zur Verabschiedung eines regelrechten Massnahmenpakets gezwungen: Leitzinssenkung, Einführung eines negativen Einlagezinses sowie gezielte Verfügbarkeit von Krediten für Unternehmen, letzteres um die lähmende Kreditklemme in diesem Bereich zu überwinden. Die EZB hat signalisiert, dass sie ihre Tiefzinspolitik für längere Zeit fortzusetzen gedenkt und hat ihr spezielles Kreditprogramm (TLTRO) auf vier Jahre angelegt. Während so in Europa an einer Normalisierung der Kreditschöpfung laboriert wird, zeigen die Kreditaktivitäten weltweit, und eher im Kontrast zur wirtschaftlichen Aktivität, in letzter Zeit mehr Schwung. Die Überschussliquidität dürfte sich so in Zukunft noch ausweiten, was auch für die Finanzmärkte günstig ist.
Schweiz profitiert überdurchschnittlich von der Erholung in der OECD
Das forsche Vorgehen der EZB bedeutet für die Schweizerische Nationalbank, dass sie auf längere Zeit keinen Bewegungsspielraum hat, um von der Anbindung des CHF an den EUR beim gegenwärtigen Kurs von 1.20 abzuweichen. „Dank dieser Währungsstabilität zum Euro wird die Schweizer Wirtschaft in diesem Konjunkturumfeld 2014 weiterhin um 2% wachsen und 2015 sogar noch zulegen“, ist Janwillem Acket überzeugt. So profitiert der Exportsektor überdurchschnittlich vom gegenwärtigen Aufschwung. Die Mehrzahl der OECD-Länder, aber auch China und andere asiatische Schwellenländer, weisen überdurchschnittlich hohe Wachstumsraten auf und absorbieren zusammen über 90% der Schweizer Exporte. Im Inland glänzt, neben einem stetig und breit wachsenden Konsum, auch der Baubereich dank historisch tiefem Zinsumfeld mit anhaltend starken Zuwächsen. Die Unternehmen werden weiter auf den Standort Schweiz setzen und hierzulande investieren, da sich das Ausbildungsniveau der Bevölkerung, auch wegen der noch ungebremsten Zuwanderung von Fachkräften, ständig verbessert.
Viele wichtige Schwellenländer sind heute gestolperte Stars
Gleichzeitig durchlaufen viele wichtige Schwellenländer eine Konjunkturschwäche, die in einem schleichenden Verlust von Wettbewerbsfähigkeit und dem bisher unbewältigten Reformbedarf im Inland begründet liegt. Hohe Inflation, der Wertzerfall ihrer Währungen und Zahlungsbilanzungleichgewichte zwingen hier die betroffenen Zentralbanken zu Zinserhöhungen, die dämpfend auf das Wachstum wirken. Da aber die mittlerweile erstarkende Nachfrage aus den entwickelten Länder auf die günstigeren Wechselkurse vieler betroffener Schwellenländer trifft, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch hier im späteren Verlauf des Jahres und 2015 die Lage weiter aufhellt. China dürfte durch den Umbau der Volkswirtschaft in Richtung einer mehr marktorientierteren Binnenwirtschaft in kommender Zeit zwar nur Wachstumsraten zwischen 6 und 7% aufweisen, aber aufgrund der schieren Grösse weiterhin ein bedeutender Wachstumstreiber für viele Exporteure sowohl der entwickelten Welt als auch der Schwellenländer bleiben. Diese Konjunkturdynamik wird vorerst zu schwach sein, um Preishaussen bei den Rohstoffen zu verursachen, zumal sich zu den traditionellen Anbietern dank Innovationen eine zusätzliche Angebotsdynamik gesellt, die auf eine insgesamt weniger stark wachsende Nachfrage trifft. Dies gilt besonders für den Energiemarkt.
Der Finanzmarktzyklus neigt sich seinem Ende zu
Trotz verhalten positiver Konjunkturaussichten und weiterhin grosszügiger Liquiditätsversorgung mehren sich die Zeichen, dass der Finanzmarktzyklus nach fünf Jahren der Expansion in risikoreichen Anlagen weit fortgeschritten ist. Insbesondere zwei Anlagethemen haben nach Ansicht der Julius-Bär-Experten in den letzten Quartalen deutlich an Attraktivität verloren. Das erste Thema spielt auf regionaler Ebene: Die Konvergenz der peripheren Märkte zu den Kernländern in der Eurozone – hier insbesondere die Risikoaufschläge von spanischen und italienischen Staatsanleihen – ist zinsseitig mehrheitlich abgeschlossen. Für Christian Gattiker, Chefstratege und Leiter Research von Julius Bär, ist klar: „Mit einem Risikoaufschlag von nur wenig mehr als 100 Basispunkten auf fünf Jahre Laufzeit wird der Anleger vom Markt für das länderspezifische Ausfallrisiko kaum mehr entschädigt“. Entsprechend sollten sich Anleger anderen Anlagethemen innerhalb Europas zuwenden. Hier ist auf Aktienseite, insbesondere auf Stufe der klein kapitalisierten Werte und der Immobilienaktien, immer noch Raum nach oben, da die Normalisierung bei der Bewertung von Staatsanleihen noch nicht adäquat widerspiegelt wird.
Das zweite Anlagethema betrifft die Qualität der Unternehmensbilanzen ausserhalb des Finanzsektors: Hier hat über die letzten Jahre eine stattliche Expansion stattgefunden. Im Verhältnis zum Volkseinkommen beträgt die Nettoverschuldung der US-Nichtfinanzunternehmen mittlerweile 16%, und der Anteil der Bilanzsummen liegt bei 90% – beides Rekordstände. Für Christian Gattiker ein klares Signal: „Die Unternehmen arbeiten inzwischen ungleich weniger für die Obligationäre und ungleich mehr für die Aktionäre als irgendwann in den letzten dreissig Jahren“. Entsprechend drängen sich im zweiten Halbjahr 2014 und darüber hinaus Umschichtungen aus dem Bereich der Unternehmensanleihen in direkte Aktienengagements auf.
Dokument
Kontakte
Janwillem C. Acket
Chefökonom
Tel. +41 58 888 8100
Christian Gattiker-Ericsson
Chefstratege & Leiter Research
Tel. +41 58 886 2658
Media Relations
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