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EDI - Die Schweiz – das Land der politischen Brückenbauer Freitag, 01. August 2014 - 06:02

Bern, 31.07.2014 - Sursee 31.7.2014. Rede von Bundesrat Alain Berset anlässlich der Bundesfeier – Es gilt das gesprochene Wort.

Wir befinden uns hier auf dem Martigny-Platz. Einem Symbol für Ihre Partnerstadt und für die Verbindung zwischen Deutschschweiz und Romandie. Dass ich hier sprechen darf, freut mich, denn ich bin überzeugt, dass der Zusammenhalt entscheidend ist für die Zukunft der Schweiz. 

In der Schweiz gibt es pro 100 Einwohner 130 Mobiltelefone. Das sollte eigentlich reichen, damit wir miteinander reden und einander zuhören. Aber um miteinander ins Gespräch zu kommen, braucht es nicht nur ein Handy und Handyempfang, sondern auch Freude am Austausch, an der Diskussion und der Debatte.

Man lernt sich ja nicht kennen, wenn man harmonisch nebeneinander schweigt oder ab und zu ein Smiley postet. Man muss offen miteinander sprechen.

Ein grosser Kenner der vielfältigen Schweiz, der Basler Autor Fritz René Allemann, hat einst geschrieben: „Ich war immer der Meinung, dass blosse Toleranz gegenüber dem Andersartigen und Eigenwilligen nicht genüge; wichtiger sei, dass man seinen Spass daran habe."

Ja, lassen Sie uns Spass haben an der Schweiz! Wir sind mehr als eine nüchterne Willensnation.

Ich nehme an, Sie haben Martigny als Partnerstadt gewählt, auch weil sie neugierig waren. Nur zweieinhalb Zugstunden entfernt von Sursee und doch in einer anderen Welt.

Genau diese Neugier hält uns zusammen. Die Freude an der Vielfalt und die niemals endende Debatten. Sie machen unser Land aus. Sie sind ein Privileg. Wir haben mit unserer direkten Demokratie ein einzigartiges politisches System, um das uns viele beneiden.

Die Ökonomen haben seit einiger Zeit das Glück als neues Forschungsfeld entdeckt. Ein Resultat ist mir aufgefallen: Je stärker die Menschen an politischen Entscheidungen teilnehmen können, desto glücklicher sind sie.

Natürlich: Wer gerade eine Abstimmung verloren hat, jubelt nicht vor Glück. Doch die nächste Abstimmung kommt bestimmt. Die Schweizerinnen und Schweizer gehören weltweit stets zu den glücklichsten Menschen. Grund dafür ist auch, wie wir gemeinsam politische Entscheidungen fällen.

Wir sind das Land der Brückenbauer. Viele der berühmtesten Brückenbauer der Welt waren Schweizer. Man denke nur an den Erbauer der Golden Gate Bridge in San Francisco, den Schaffhauser Othmar Ammann. Oder man denke an die fantastischen Viadukte der Rhätischen Bahn oder an die historische Kappelbrücke in Luzern. 

Bei aller Schweizer Bescheidenheit: Auch als politische Brückenbauer sind wir wirklich gut. Besser, als sich selbst der politisch äusserst versierte Napoleon das hätte vorstellen können.

Dieser gab einst resigniert zu Protokoll: „Ich wäre ausserstande, die Schweiz zu regieren. Je mehr ich über das Land nachdenke, umso überzeugter bin ich, dass die Verschiedenartigkeit seiner Teile es unmöglich macht, eine gemeinsame Struktur überzustülpen."

Ich glaube, ich darf auch ohne vorheriges Vernehmlassungsverfahren feststellen: Napoleon hat sich geirrt. Unseren Bundesstaat gibt es jetzt seit 166 Jahren. Und eine auch im Ausland viel beachtete Verfassung. Sie hat geholfen, die religiösen und regionalen Gräben in diesem Land zu überwinden. Eine pragmatische und innovative Lösung - typisch schweizerisch eben.

Napoleons Irrtum wurzelt in der Annahme, dass man etwas über die Schweiz stülpen könne. Er hat es 1798 mit der Helvetischen Republik versucht und ist gescheitert. Es hätte in der Tat nie funktionieren können.

Es geht in unserem Land vielmehr darum, in der Vielfalt das Gemeinsame zu entdecken; den Respekt vor den anderen zu pflegen; und sich daran zu freuen, dass verschiedene Kulturen in einem kleinen Land friedlich zusammen leben.

Die Schweiz ist nicht trotz ihrer Vielfalt, sondern wegen ihrer Vielfalt das Land geworden, das sie heute ist.

  • stabil und erfolgreich.
  • vielsprachig und weltläufig.
  • innovativ, kreativ und wirtschaftlich stark.
  • und gleichzeitig auf sozialen und regionalen Ausgleich bedacht.

Zurzeit beschäftigt uns wieder verstärkt unser Verhältnis zu Europa. Dass es hier kontrovers zu und her geht, ist nicht überraschend. Es geht um Fragen der Identität, der Interessen, der Institutionen.

Der Bundesrat wird mit der EU über die Zukunft unserer Beziehungen verhandeln. Dass dies schwierige Verhandlungen werden, brauche ich nicht zu betonen. Und ebenso wenig, dass am Schluss das Resultat vor dem Volk Bestand haben muss.

Klar ist: Beide - die Schweiz wie die EU - haben ein Interesse an engen wirtschaftlichen Beziehungen. Falls diese Partnerschaft Schaden nähme, dann wäre das für beide Seiten problematisch.

Wie auch immer das Ergebnis aussehen wird - ich bin überzeugt: Zuwanderung wird grundsätzlich akzeptiert, wenn die Menschen, die sich bereits in unserem Land befinden, sich sicher fühlen.

Deshalb braucht es zum Beispiel robuste flankierende Massnahmen. Die Menschen in unserem Land müssen sich aber auch sehr gut ausbilden und weiterbilden können. Bildung ist unser Trumpf.

Die Menschen müssen auf dem Arbeitsmarkt eine echte Chance erhalten. Es darf nicht sein, dass Personen über 50 keine neue Stelle mehr finden. Dass Frauen weniger verdienen oder benachteiligt werden, weil sie Teilzeit arbeiten möchten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist noch wichtiger geworden, als sie es bis anhin war.

Es darf nicht sein, dass die Unternehmen sich aus einem Pool von Hunderten von Millionen EU-Bürgern bedienen, ohne dabei an die Folgen für unsere Gesellschaft zu denken. Und es darf nicht sein, dass die Kosten fürs Wohnen ins Unermessliche steigen.

Ich bin überzeugt: Die Schweiz wird einen Umgang mit diesen Herausforderungen finden, mit dem alle gut leben können. Aber alle müssen ihre Verantwortung wahrnehmen, ihren Beitrag dazu leisten. Was unser Land in Eigenregie machen kann, das muss es auch machen.

Klar ist aber auch: Wer sich einen vollständigen Bruch mit Europa wünscht, verkennt die wirtschaftlichen Realitäten und damit die Interessen der Schweiz. Wie auch immer sich das Verhältnis mit der EU künftig gestalten wird, Europa bleibt für die Schweiz von entscheidender Wichtigkeit. Ist die EU doch der grösste Wirtschaftsraum der Welt und unser mit Abstand wichtigster Handelspartner.

Wir sind auch in Zukunft auf eine funktionierende und geregelte Beziehung mit der EU und auch auf Zuwanderung angewiesen, wenn wir weiterhin in einem gut prosperierenden Land leben wollen. Wir müssen mit unserem wichtigsten Partner im Dialog bleiben und können die Beziehungen nicht einfach abbrechen.

Und nicht zu vergessen. Wir gehören auch kulturell zu Europa. Und gerade im Gedenkjahr zum Ausbruch des ersten Weltkrieges wird uns allen noch stärker bewusst, dass der heutige Zustand Europas so gut ist, wie er es nur selten war in der Geschichte.

Unsere Vielfalt bedingt, dass wir einander verstehen. Wir stellen zurzeit fest: In gewissen Kantonen gerät der Französisch-Unterricht auf Primar- und Sekundarstufe 1 zunehmend unter Druck. Der Status des Italienischen ausserhalb der italienischen Schweiz ist gefährdet. Das muss uns beunruhigen.

Ich bin überzeugt: Eine zweite Landessprache in der Primarschule ist essentiell für die Kohäsion und das kulturelle Gewebe unseres Landes.

Die Sprachen haben eine grosse Bedeutung für den nationalen Zusammenhalt. Sprachen transportieren Ideen, Befindlichkeiten, ein bestimmtes Denken. Sie sind mehr als Mittel zur Verständigung, sie sind Ausdruck von Kultur. Sprachen sind ein zentraler Teil unserer Identität. 

Unter uns müssen wir Landessprachen sprechen können, sonst kommen wir einander abhanden.

Unser Land bietet seinen Bewohnerinnen und Bewohnern eine grossartige Chance: Sie werden nämlich zu ihrem Sprach-Glück gezwungen. Nun müssen wir unsere sprachlichen Unterschiede einfach noch mehr als Chance begreifen.

Sie in Sursee haben dies verstanden und mit ihrer Partnerstadt im Wallis Schüler-Austausche eingerichtet. Ich kann Ihnen dazu nur gratulieren. Eigentlich sollte jede Gemeinde eine Partnergemeinde in einem anderen Landesteil haben.

Dass Mehrsprachigkeit ein Glück ist, erklärt sich von selbst, in einer Welt, die immer kleiner wird. In der es immer wichtiger wird, die anderen - sei es im eigenen Land, sei es in anderen Ländern - zu verstehen, mit ihnen kommunizieren zu können.

Bund und Kantone müssen die Mehrsprachigkeit pflegen. Es darf nicht sein, dass wir vor lauter kantonalen Lösungen die Schweiz nicht mehr sehen. Unsere Mehrsprachigkeit ist nicht verhandelbar.

Sicher: Die jeweils anderen Landessprachen zu lernen, ist eine Herausforderung.

Solange wir miteinander im Gespräch bleiben, mache ich mir keine Sorgen um unser Land.

Nur eines wäre wirklich schlecht für die Schweiz: Wenn wir uns der Diskussion entziehen. Wenn jede Region jede Gruppe, jede Bürgerin und jeder Bürger nur noch für sich schaut - und sich nicht mehr um das Wohl der Gesellschaft, um den Erfolg unseres Landes kümmert. Dann wäre die Schweiz wirklich gefährdet.

Wie fragte doch Carl Spitteler in seiner berühmten Rede über die Neutralität vor 100 Jahren rhetorisch: „Ja, was ist denn eigentlich vorgefallen? Nichts ist vorgefallen. Man hat sich einfach gehen lassen."

Genau das ist der Punkt: Es muss nichts passieren, damit etwas passiert. Es muss nur das Engagement für die gemeinsame Nation erlahmen. Es muss nur das gemeinsame Interesse an der Auseinandersetzung allmählich schwinden.

Denn was uns stark macht, ist das Bewusstsein, dass wir aufeinander angewiesen sind. Sursee auf Martigny und Martigny auf Sursee.

Wir sind aufeinander angewiesen, weil wir so verschieden sind.

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