Credit Suisse Sorgenbarometer 2014 (Mit Inhalt) Dienstag, 02. Dezember 2014 - 12:35
Die Sorgen der Schweizer
Der Sorgenkanon der Bevölkerung ist breiter geworden, aber die Arbeitslosigkeit bleibt unangefochten die grösste Sorge. Daneben bereitet vielen die Ausländerfrage Sorge.

Für 51 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer ist klar: Die Arbeitslosigkeit gehört zu den fünf wichtigsten Problemen des Landes. Sie ist – wie immer seit 2003 – die helvetische Hauptsorge (im Vergleich zum Vorjahr: +7 Prozentpunkte). Man kann sich fragen, ob es hier eigentlich um eine nationale Solidaritätsbekundung geht, denn die Sicherheit der eigenen Stelle spielt nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich 7 Prozent befürchten nämlich den Verlust ihres Arbeitsplatzes im Laufe des nächsten Jahres, und nur 14 Prozent stufen ihre Arbeitsstelle generell als eher oder gar nicht sicher ein.
Korrelation zur Arbeitslosenquote
Doch die Sorge um die Arbeitslosigkeit hat auch eine reale Grundlage: Im Langzeitvergleich lässt sich zeigen, dass eine hohe Korrelation besteht zwischen tatsächlicher Arbeitslosenquote und der Wahrnehmung von Arbeitslosigkeit als Sorge. Von Rekordmarken wie in den Jahren 1993 (89 Prozent – Arbeitslosigkeit 4,5 Prozent) oder zuletzt 2010 (76 Prozent – 3,9 Prozent) ist man allerdings trotz einer gewissen Korrektur des letztjährigen Tiefwerts noch weit entfernt, obwohl die Arbeitslosenquote mit 3 Prozent recht hoch ist.
Sorgenbarometer 2014
Hoher Ausländeranteil schürt Ängste
Wiederum an zweiter Stelle, diesmal mit 40 Prozent, liegen die Sorgen um die Ausländerinnen und Ausländer, die wohl im Zusammenhang mit der Volksinitiative «Gegen Masseneinwanderung» weiter an Bedeutung gewannen (+3 pp). Ähnlich wie bei der Arbeitslosenquote lässt sich auch hier eine Korrelation mit realen Begebenheiten zeigen: Ist der Ausländeranteil hoch (derzeit bei 23,8 Prozent, bei den 20- bis 39-Jährigen sogar 33,2 Prozent), geben mehr Befragte an, dass sie dieses Thema beschäftigt.
Asylwesen: Stagnation auf hohem Niveau
Eine besondere Kategorie Ausländer stellen – an vierter Stelle – die Asylsuchenden dar. Nach wie vor werden sie von 26 Prozent der Bevölkerung als Problem wahrgenommen (-2 pp). Dies ist zwar ein hoher Wert, doch nicht vergleichbar mit Spitzenwerten wie 2004 (45 Prozent). Und auch hier lässt sich die Sorge mit einer Kennzahl verknüpfen: Sie steigt und fällt parallel mit der tatsächlichen Anzahl an Asylgesuchen in der Schweiz.
AHV und Gesundheit bleiben relevant
Auf dem dritten Platz liegt als weiterer Sorgen-Dauerbrenner die AHV. 37 Prozent beschäftigt die Altersvorsorge. Vermutlich machen sich viele der Befragten Sorgen, wie gut ihre Rente gesichert ist. In der Deutschschweiz ist das Problembewusstsein um die Altersvorsorge etwas höher als in der Romandie, bei den über 70-Jährigen (55 Prozent) klar stärker als bei den unter 30-Jährigen (33 Prozent). Das Gesundheitswesen wird, an fünfter Stelle liegend, lediglich noch von 23 Prozent der Bevölkerung als Sorge bezeichnet (+2 pp). Das war bei einem Spitzenwert von 64 Prozent im Jahr 2001 noch völlig anders, doch die zwischenzeitlich erfolgreiche Bekämpfung des Anstiegs der Krankenkassenprämien könnte für Entspannung gesorgt haben. Es wird interessant zu beobachten sein, wie sich dieser Wert nächstes Jahr verändert, wenn die Prämien wieder stärker angestiegen sind.
Sorgen um Sicherheit nehmen ab
Hinter der Sorge um die Beziehungen zur Europäischen Union (20 Prozent) liegen im breiten Mittelfeld des Sorgenkanons sechs Phänomene, die von rund einem Sechstel der Bevölkerung (17 respektive 16 Prozent) als Sorge wahrgenommen werden. Neben der Drogen- und Alkoholsucht und dem Eurokurs sind dies zwei Themenpaare: Kontinuierlich abgenommen haben die Werte für die persönliche und die soziale Sicherheit. Umgekehrt haben seit 2009 der Umweltschutz und Energiefragen an Relevanz gewonnen, aktuell jedoch sind beide leicht zurückgegangen.
Romandie vs. Deutschschweiz
Im Vergleich der Sprachgruppen lassen sich in vier Bereichen relativ deutliche Unterschiede ausmachen: In der Romandie werden die Arbeitslosigkeit und die Ausländer viel stärker als Problem wahrgenommen als in der Deutschschweiz. Dort trifft dies dafür auf Fragen der Energiepolitik und der Altersvorsorge zu. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede sind in den meisten Bereichen minim: Man kann aber sagen, dass sich Frauen besonders stark um die Altersvorsorge und das Gesundheitswesen sorgen. Betrachtet man die verschiedenen Siedlungsgruppen – also, wo die Befragten leben –, so macht sich die Landbevölkerung mehr Gedanken über Arbeitslosigkeit, Asylwesen und Eurokrise als die Agglomerationen und die Grossstädte.
Relativ einheitliches Problembewusstsein
Alles in allem sind die gruppenspezifischen Unterschiede jedoch nur selten grösser als die statistische Fehlerquote. Daraus lässt sich schliessen, dass in der Schweiz ein ziemlich einheitliches Problembewusstsein besteht – und dieses, wie gesehen, meist mit realen Tatsachen verlinkt ist. Diese Erkenntnis stellt eine gute Basis für politische Diskussionen dar.
Sorgenbarometer: Die Umfrage
Welches sind die grösste Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer? Und wie steht es um das Vertrauen in die Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft? Diesen Fragen geht die Credit Suisse seit nunmehr 38 Jahren in ihrer jährlichen Sorgenbarometer- und Identitätsbarometer-Umfrage nach. Zwischen dem 28. Juli und dem 16. August 2014 befragte das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der Credit Suisse 1010 Stimmberechtigte in der ganzen Schweiz unter anderem nach deren Sorgen. Die Befragten konnten aus einer Auswahl von 34 Sorgen die fünf wichtigsten auswählen.

